Prof. Ernst Fuchs über sein Frühwerk

 

 

 

Ganz besonderer Dank gebührt Friedrich Haider, österreichischer Dirigent und Autor des umfangreichsten Buches zum Frühwerk 'Ernst Fuchs - Zeichnungen & Graphik - Aus der frühen Schaffensperiode 1942-1959', der uns freundlicherweise die Genehmigung zum Abdruck seiner Texte aus diesem Buch erteilt hat!

Zu meinem Frühwerk

Wenn ich mir heute mein Frühwerk ansehe, und damit meine ich die wirklich ganz frühen Werke, also etwa von 1942 bis 1955, so bin ich manchmal richtig irritiert. Aber es ist so lange her, dass ich mich oft nicht mehr erinnern kann, was in mir als 12- oder 13jähriger Bub und Künstler vorgegangen ist.

Jedenfalls haben sich schon Sammler für mein Frühwerk interessiert, als ich noch gar kein Spätwerk hatte. Das ging schon los Mitte der Sechzigerjahre, wollten alle immer mein Frühwerk. Ich dachte mir damals, ich bin 35 Jahre alt und das, was ich als halbes Kind geschaffen habe, war mir nicht so wichtig, sozusagen Schnee von gestern.

Heute, wo ich etwas älter und aus meiner Sicht schon ein richtiger Erwachsener bin, ist mein Frühwerk nicht nur ein interessanter Blick in meine Kindheit, sondern vor allem ein Blick zurück zu meinen Ursprüngen als Künstler. Mit allem, was zu Ursprüngen dazugehört: Erfolgen, Desaster, Aufbruch- und Endzeitstimmung, alles nahe beieinander. Alles oft an einem Tag.

Vielleicht habe ich deshalb in den letzten 20 Jahren oft versucht, leichtfertig verkauftes – eigentlich müsste man sagen, verscherbeltes – Frühwerk wieder zurück zu kaufen. Und da ich damit sehr erfolgreich war (leider nicht monitär betrachtet, da ich immer ein Vielfaches von dem bezahlen musste, was ich zig Jahre davor dafür bekommen hatte), habe ich heute einen großen Teil meines Frühwerks selbst in Händen.

Ich habe mich nun auf Drängen vieler Sammler entschlossen, erstmals diese Werke zu verlegen, um sie den Freunden meiner Kunst zugänglich zu machen.

Ich hoffe, dass es für Sie eine inspirierende Erfahrung wird, in meinen künstlerischen Wurzeln zu stöbern! Und lassen Sie sich bitte nicht irritieren.

Herzlichst Ihr

 

Ernst Fuchs Unterschrift

 


Auszug aus der „Welt am Montag“, Wien Nr. 47, 1949 aus dem Buch „Ernst Fuchs Zeichnungen und Grafik aus der frühen Schaffensperiode 1942-1959“ Seite 131

„Ein Maler erobert Paris"

Paris. Durch Kunstausstellungen jeder Art verwöhnt, lässt sich nicht leicht aus der Ruhe bringen. Als aber vorigen Dienstag um 21 Uhr die „Galerie du Siécle“ auf dem Boulevard Saint Germain eröffnete, da gab es einen Knalleffekt, wie ihn selbst Paris nur selten kennt. Erschüttert und hingerissen standen die wenigen Besucher, die zur Eröffnung dieser Ausstellung eines in Frankreich gänzlich unbekannten Malers kamen, vor den wenigen Gemälden. ...“

Zeitungsausschnitt

Vorstellung des Werkes:

Sebstportrait


Selbstporträt Prophetenkopf (und wie ich denke, dass ich als alter Mann aussehen werde), 12.12.1945, Spezialkreide auf Ingrespapier, 48x61 cm (Sammlung Ernst Fuchs Privatstiftung)

In den Sozialwissenschaften kennt man das Phänomen der „sich selbst erfüllenden Prophezeiung“. Diese trifft bei diesem Bild in mehrfacher Hinsicht zu. Zunächst ist das vom 15jährigen Ernst Fuchs entstandene Selbstbildnis als Kopf eines Propheten angelegt. Das Alttestamentarische des Ausdrucks mag Fuchs nun seiner Umgebung abgeschaut haben. Dass er aber zudem sich selbst so exakt zukünftig erschauen, erkennen hat können, einschließlich der typischen Kopfbedeckung, mag daran liegen, dass er, unbewusst und bewusst, dies Bild als einen inneren Entwurf für seine eigene Entwicklung stets vor Augen und seine Entwicklung sich diesem angenähert hat. Bild und Leben verschmelzen so zu einer Einheit des Prozesses; das Bild greift direkt in das Leben ein. Hieran zeigt sich auch das Hermetische der Ansichten dieses Bildes. Nicht nur gerinnt das Oben zum Unten und umgekehrt, sondern auch das Hier und Jetzt verbindet sich mit der Vergangenheit.

(Quelle: Walter Schurian in Ernst Fuchs: Zeichnungen und Grafiken der frühen Schaffensperiode, Löcker-Verlag Wien)

Kreuzigung und Selbstportrait


Fuchs’ erstes Ölbild, entstanden im Alter von 15 Jahren: Kreuzigung und Selbstporträt mit Inge neben dem Kreuz, 1945, Öl auf Holztafel, 155x195 cm (Sammlung Ernst Fuchs Privatstiftung)

„Kurz nach Kriegsende eröffnete die Akademie der Bildenden Künste in Wien ihre Tore, die Unterrichtung in einer freien Kunst sollte beginnen. Geheimtipps, die man während des Dritten Reiches nur flüsternd einander mitzuteilen wagte, wurden nun öffentlich proklamiert. Es durfte plötzlich wieder eine ‚moderne Kunst’ geben. Ich war damals fünfzehn Jahre alt, eine Art Wunderkind. Trotz meiner jungen Jahre hatte man nichts gegen meine Aufnahme in die Akademie. Meine Erwartungen waren – wie die der meisten anderen hoffnungsvollen Künstler – gewaltig. Ebenso gewaltig war unsere Enttäuschung. Was da vorher als moderne Kunst propagiert wurde, war ein vaterloses Kind.  So durfte etwa der Name Gustav Klimt im Aktsaal nicht laut genannt werden. Dieses Genie der Aktzeichnung war ein ‚Dekorateur’, ein ‚Tapezierer’ und ein ‚Pornograph’! Mit dergleichen Prädikaten wurde hochoffiziell auch Egon Schiele bedacht. Ich war nicht der einzige, der diese Enttäuschung unter lautem Protest einfach nicht hinnehmen wollte und daher auch nicht allein, als es darum ging, andere für uns junge Künstler wie ‚Heilige der Kunst’, um einen Namen zu nennen: Aubrey Beardsley, zu exhumieren.“


Zyklus „Die Stadt“


die Stadt

Der Behälter des Weltalls, Juni 1946, Bleistiftzeichnung auf Packpapier, 54x70 cm (Sammlung Ernst Fuchs Privatstiftung)

„Der Behälter des Weltalls ist eben der Behälter, in dem er sich befindet. Der Kranz der Augen, die den Rand des Schlundes säumen, ist auf den Inhalt nach innen gerichtet. Kralle, Faust und Flügelaspekte eines Allwesens. Ein kleines Gebäude zum Behälter sich emporrichtend, zeigt auf dem Flachdach ein Kreuz.

Die Giganten, Riesen und Himmelsleitern der Propheten, die gewaltigen Helden meiner ersten Bilder, sind nichts anderes als riesige Behälter, hermetische, noch verschlossene Gefäße der gesamten, damals noch gänzlich verborgen vor mir liegenden Entwicklung meiner Gaben. Es ist kein Zufall, dass der ‚Behälter des Weltalls’ zum Schlüssel meiner gesamten apokalyptisch-phantastischen Phase wurde und als erste große, minutiös ausgeführte Bleistiftzeichnung am Anfang des Zyklus ‚Die Stadt’ steht. Ich erinnere mich, dass mir die Bedeutung dieser Zeichnung sehr wohl schon während der Arbeit bewusst wurde, und in gewisser Weise kehre ich immer wieder, wenn ein monumentaler Bildgedanke mich bewegt, zu diesem ‚Behälter’ zurück. In ihm befindet sich ein ganzer Stamm ähnlicher Bildideen.“
 

Die Stadt IDie Stadt II

Die Stadt I, 1946, Bleistiftzeichnung auf Packpapier, 90x60 cm (Graphische Sammlung Albertina)

Die Stadt II, 1946, Bleistiftzeichnung auf Packpapier, 90x63 cm (Sammlung Ernst Fuchs Privatstiftung)

An postmoderne Architektur, auch an den späteren Hundertwasser, erinnern diese Architekturphantasien. Sie sind eine Vorschau dessen, was nach einem halben Jahrhundert das Szenarium der Weltstädte bestimmt.

Ähnlich der Pointe, die im Vorwort des berühmten Buches „Eine kleine Reise durch die Zeit“ (Stephen Hawkings) über Bertrand Russell erzählt wird. Nachdem Bertrand Russell eine populärwissenschaftliche Abhandlung über Albert Einsteins Relativitätstheorie verkündet hat, stand eine alte Dame auf, meldete sich zu Wort mit folgender Feststellung: „Sir, all you told us is pure nonsens“. Auf Russells Frage, wie sie denn zu dieser Ansicht gekommen sei, antwortete sie: „Because the world is resting on a turtle“. Russell war belustigt und fragte: „Und worauf stünde denn diese Schildkröte?“, natürlich auf einer anderen Schildkröte und so weiter, ganz so, wie dies bei Einstein der Fall ist. Der Stadtzyklus hatte Vorboten gesandt. Die Kopffüßlergrotesken, die von Picassos Monstren, den Überlebenden von Guernicas Bombengewittern, Fuchs zugesandt worden waren und sich moorehawksch zukrümmten, sie hatten ihm den Blick für den Surrealismus eines Max Ernst, wie er in seiner Versuchung des Heiligen Antonius zum Ausdruck kommt, geöffnet.
 

Die Frau im Spiegel einer Häuserfront

Die Frau im Spiegel einer Häuserfront, 1946, Beistiftzeichnung auf Packpapier, 43x60 cm, (Sammlung Ernst Fuchs Privatstiftung)

„Dieses Bild zeigt eine Architektur, die von Architekt Holzbauer (der von der Existenz meiner Zeichnung wahrscheinlich nie etwas in Erfahrung gebracht hat) um 1980-90 gebaut worden ist. Das macht sie zu einer Art Prophetie, wie sie in meinem Werk oft vorkommt. Die Entwicklung der Architektur als Gefängnis ist im „Stadt-Zyklus“ als negative Perspektive in die Zukunft zum Ausdruck gebracht.“
 


Selbstporträt mit meinem Vater

Selbstporträt mit meinem Vater,  1946, Bleistiftzeichnung auf Packpapier, 58x85 cm (Sammlung Ernst Fuchs Privatstiftung)

„Mein Vater als Groteske. In meiner Brust ein Münderturm. Drei Münder übereinander werden ein Wesen.“
 

Der Messias (Hermaphrodit)

Der Messias (Hermaphrodit), 1946, Bleistiftzeichnung auf Packpapier, 55x79 cm (Sammlung Ernst Fuchs Privatstiftung)

Picassische Grotesken auf Pfählen als Fortsetzung der Kopffüßlerserie.
 


Die Beweinung von Zwiespältigem

Die Beweinung von Zwiespältigem, 1946, Bleistift auf Büttenpapier, 52x70cm (Sammlung Infeld)

 „Januskopf, meine Frau Trude und Selbstporträt, einen Planeten betrachtend. Saturnisches Brüten über unlösbarem Verhängnis! Schreckliche Träume quälen mich diesen Winter, Wahn und Angst machen mich unruhig. Ich suche nach Klassischem, Schönem. Versuche mir Leonardo in Erinnerung zu rufen: Der Kopf auf dem Maiskolben.“


Tarot

Tarot, 1946, Bleistiftzeichnung auf Packpapier (Sammlung Hans Dichand)

„Gustav Meyrincks Golem hat mich sehr beeindruckt. In ‚Tarot’ fließen das Motiv des Cherubkopfes und die Formulierung des Schmerzensmannes ineinander.“


Mondfrau

Mondfrau, Bleistift auf Packpapier, Juli 1946, 55x77 cm (Sammlung Ernst Fuchs Privatstiftung)

„Die Frau, die am Gipfel des Himalayas die Anziehungskraft der Erde verlor und auf den Mond stürzte“
 

Gütersloh und die Muse

Gütersloh und die Muse, 1946, Bleistiftzeichnung auf Büttenpapier, 48x58 cm (Sammlung Infeld)

„In den hohen, ernsten Räumen der Akademie saßen wir bei gut geheizten Öfen. Da roch es nach Staub, Öl, Schweiß und Schwaden von Terpentin. Noch hatte niemand Ölfarben. Es gab ja noch nichts, womit man hätte malen können. Das Knirschen der Zeichenkohle auf gemeinem Packpapier und Diskussionsgeflüster waren die Begleitmusik unserer Studien. Wer viel experimentierte, wie ich oder Kurt Steinwendner, war meist umringt von den ‚Braven’, die sich berufen fühlten, ausschließlich das, was der Professor sagte, zu befolgen. Sie verteidigten jedes seiner Worte, so als hätten sie es erfunden; und doch trug unsere Diskussion den fruchtbaren Zweifel auch in ihren Geist. Diese Klasse Albert Paris Gütersloh war eine verschriene, berüchtigte Stätte der Experimente, und die Schüler der anderen Klassen besuchten sie gastweise, fast wie ein Bordell. Sie wollten dabei nicht gesehen werden, und über das, was sie bei uns hörten, sprachen sie nicht mit jedem.“


Mädchenkopf (Jungmädchenhafte Schönheit)

Mädchenkopf (Jungmädchenhafte Schönheit) Aquarell 14. April 1946, 34x44cm (Sammlung Unicornus)

„Allzu absurd schien der Gedanke, dass sich in dieser brotlosen Zeit des allgemeinen Sicherhebens aus den Trümmern ein Publikum für Kunstausstellungen finden würde. In dieser ‚Zeit der Monstren’ wollte ich immer wieder auch Schönes schaffen. Die Entdeckung von Schönheit in der Kunst – ein Thema, das damals als verpönt galt. Irgendwie orientiert sich die Haltung der jungmädchenhaften Schönheit an jener von gotischen Madonnen.“
 


„Das ist ja eben das Rätsel der Künstlernatur – sie schafft, ohne zu wissen wofür und warum.“
  Ernst Fuchs 1949


Golgatha


Golgatha, 1948-49, Bleistiftzeichnung auf Papier, aus dem Zyklus „Metamorphose der Kreatur“, 46,5x41 cm (Sammlung Unicornus)

„Wenn man mich fragt, warum ich mich damals fast täglich immer wieder mit der Formulierung dieses Schädels oder dieses schmerzverzerrten Leibes befasst habe, so kann ich darauf, wenn ich mich nun rückschauend mit diesen Arbeiten beschäftige, keine Antwort geben. Ich glaube, dass so etwas wie eine Berufung darin zu sehen ist. Von dieser Art Malerei ausgehend, die viele als beängstigend empfinden, oder gar als Verhöhnung Christi, habe ich mich mit der Passion Christi befasst. Und es verhält sich wie mit den Träumen. Hier schaffen sich Bilder und sprechen das Unsagbare aus, dem keine Analyse zu folgen vermag, und man könnte sagen, die Seele malt, doch nur der Träumer sieht.“
 

Portrait des Malers Paul Otto Haug

Portrait des Malers Paul Otto Haug, 1946, Aquarell und Tusche, 33 x 55 cm 

In der Entstehungszeit dieses Bildes studierte der sechszehnjährige Ernst Fuchs an der Akademie der bildenden Künste in der Meisterklasse von Professor Albert Paris Gütersloh, seinem Lehrer und Mentor. Dieses Portrait widmete Ernst Fuchs seinem Freund Haug, der in den letzten Kriegstagen nach einer Kopfverletzung an die Akademie gekommen war. Ernst Fuchs erinnert sich, dass Haug damals der Einzige im Haus war, der das Werk Picassos der Dreißigerjahre kannte und davon beeinflusst Bilder schuf. Dieses französische Flair hält Fuchs in seiner Darstellung  in virtuoser Weise fest.
 

Selbstportrait

Selbstportrait, 1946, Aquarell und Tusche, 40 x 60

Das Selbstportrait eines Künstlers ist ein Thema, das seit jeher die Kunstgeschichte bewegt. Für Ernst Fuchs ist das Antlitz des Menschen ein Universum im wahrsten Sinne des Wortes. Das Abbilden eines Menschen besteht nicht nur im Bild der äußeren Hülle, der Künstler zeigt auch das Wesen, das Denken der abgebildeten Personen. Das Naturstudium an der Akademie der bildenden Künste kam dieser Neigung, Abbilder des Menschen zu schaffen, sehr gelegen. Hier zeigt sich Ernst Fuchs als zweiflerischen, kritischen jungen Mann, der versucht, die Schrecken des Krieges zu überwinden.
 

Mädchenkopf mit roten Haaren

Mädchenkopf mit roten Haaren, 1946 

Kurz nach Ende des Krieges begann Ernst Fuchs sein Studium an der Akademie der bildenden Künste in Wien. In der Entstehungszeit dieses Bildes zählte sich der Künstler zu den Surrealisten und schuf Monster und verwesende Gestalten als Anklage gegen den Krieg. Es war ihm aber auch in dieser Zeit möglich, das Schöne zu zeigen. „Die Entdeckung von Schönheit in der Kunst – ein Thema, das damals verpönt war.“  Fuchs zeigt in seinen Portraits nicht nur die äußere Ähnlichkeit, sondern auch das Wesen der Dargestellten.

 
Christus vor Pilatus

Christus vor Pilatus, 1955-56, Tusche-Pinselzeichnung auf Ingrespapier, 47x62 cm (Sammlung Unicornus)

Die 1955-56 vorwiegend in New York entstandene, manieristische Komposition zählt zu Fuchs’ Hauptwerken unter den Zeichnungen der Fünfzigerjahre. Ursprünglich in kleinem Format konzipiert, wurde das Blatt in der Folge zu einer grandiosen, symbolistischen Inszenierung ausgeweitet und zählt heute zu jenen Bilddokumenten, die den Weg des Künstlers in die katholische Kirche manifestieren. Die Bedeutung, die die Person des Jesus von Nazareth für ihn zu diesem Zeitpunkt erlangt, ist aber erst dann wirklich nachzuvollziehen, wenn man auch die Rolle des Todes in den bis dahin entstandenen Arbeiten analysiert.
 

Über Ernst Fuchs

Von Johann Muschik anläßlich der Biennale Sao Paolo, 1969 (aus dem Buch „Ernst Fuchs: Zeichnungen & Graphik aus der frühen Schaffensperiode 1942-1959, Löcker-Verlag)

Nicht nur der Einfluß der Gotik, der Rennaissance-Malerei, des Jugendstils und des Expressionismus läßt sich in seiner Kunst erkennen. Ensor, Blake und Moreau haben ihn gefesselt, auch babylonisches, assyrisches und altmexikanisches Formengut. Eine phänomenale Einfühlungsgabe geht bei Fuchs mit einem Zupacken, einem Ungestüm zusammen, die jene fremde Welt wieder zu einer dem Künstler eigenen machen. Dieses kalte Feuer, das in den Blättern brennt, diese Folgerichtigkeit bei der Durchsetzung der eigenen Vorstellung, diese Umformung alter Mythen nicht selten ins sehr Persönliche hinein, das ist Fuchs. Eine gewisse Brutalität auf der einen Seite, mystische Vorstellungen von einer besonderen Verschlossenheit auf der anderen, und schließlich auch der merkwürdige Erotismus, den der Künslter pflegt, gehören zu ihm.
 

Die Verwandlung der Lucretia

Die Verwandlung der Lucretia, Mischtechnik auf Leinwand, 1952, Größe unbekannt  

Die „Verwandlung der Lucretia“ schuf Ernst Fuchs in einem kleinen Untermietzimmer in Paris, das weder elektrisches Licht noch Wasser hatte. „Durch eine Dachluke fiel zauberhaftes Licht. Nie wieder habe ich in einem Raum Licht und Schatten so geheimnisvoll um Gegenstände spielen sehen“. Diese Komposition ist ein außergewöhnliches Beispiel für die Hinwendung von Ernst Fuchs zur Alchemie und zum Symbolismus. Das Einhorn, das in der Kunst von Ernst Fuchs einen sehr wichtigen Stellenwert einnimmt, steht hier zwischen der Schönheit und dem Tod. Die Figur des Einhorns hat im Wesentlichen durch das Christentum seine vielfältigen und auch widerspruchsvollen, symbolistischen und mystischen Bedeutungen erhalten.  Das Werk ist ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg der Verwandlung des Einhorns  in das Tier des Messias und verdeutlicht dem Betrachter die beginnende Hinwendung von Ernst Fuchs zu Christus und zur katholischen Kirche.
 

Klage über brennender Stadt

Klage über brennender Stadt, 1947, Mischtechnik, Größe unbekannt

Als Siebzehnjähriger wurde Ernst Fuchs von Bildern bedrängt, die er als Zeitzeuge des Krieges in Wien gesehen hatte. Dieses surreal geprägte Werk ist ein Spiegel der damaligen apokalyptischen Ereignisse und eine Anklage der Schrecken des Krieges. Es entstand unter dem Eindruck, dass der Krieg noch lange nicht zu Ende sei. Nachdem die Bomben auf Hiroshima und Nagasaki gefallen waren, fanden ab Mitte 1946 Kernwaffentests im Gebiet des Bikini-Atolls statt. Der junge Ernst Fuchs sah in dieser Atombomben-Demonstration die Realisation von Hitlers „Totalem Krieg“.
 

Die Mütter Babels

Die Mütter Babels , 1947, Mischtechnik auf Karton, 35 x 50,5 cm 

Dieses visionäre Werk, das Ernst Fuchs mit siebzehn Jahren schuf, entstand zu einer Zeit, in der er sich sehr stark mit dem Werk von André Breton identifizierte und  sich selbst zu den Surrealisten zählte. Dieses Bild ist gleichsam ein Zeitzeuge, eine Reaktion auf Ereignisse, die kurz nach dem Krieg die Welt bewegten. Es verdeutlicht auch sehr gut die Angst, die Ernst Fuchs zu dieser Zeit bewegte. Für ihn steht alles, was er in dieser Zeit schuf „unter dem Eindruck, ja unter dem Diktat personifizierter Angst, dieser Zerstörerin und Verwandlerin. Alles Verwesende übte auf mich eine ungeheure Faszination aus“.
 

Prof. Ernst Fuchs
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